Gedanken zum Nahostkonflikt

In den Kommentaren zum gestrigen Artikel Nachtrag zum #Listengate wurde dieser Blog erstmal als antideutsch bezeichnet. Nett versteckt in der Möglichkeit als kommentierende Person einen Link zu hinterlassen kam es zu den geistrichen beiden Links „http://www.ficktdieantideutschenspinner.de/“ und „http://www.keinetoleranzfuerantideutsche.cn/“. Offen gesagt sind wir überrascht, wie schnell das dann doch ging – und das nach einem Artikel über das #Listengate…Deswegen haben wir uns gedacht, dass wir doch einfach mal Wasser auf die Mühlen geben und etwas  zum aktuellen Konflikt zwischen Israel und Palästina schreiben.

Wer jetzt allerdings gehofft hat, dass wir uns in den aktuellen Trott einreihen und darüber urteilen für wen dieser Krieg schlimmer ist, wer mehr leidet, wer auf jeden Fall grausamer ist und/oder auf welcher Seite mehr Kinder sterben, wird an dieser Stelle enttäuscht. Denn darüber reden andere nun wirklich genug! Es macht einfach auch vielmehr Spaß darüber zu schreiben, was andere Menschen so machen und von sich geben, wenn sie über die aktuellen Auswüchse des Konfliktes nachdenken.

Denn mit dem eigentlichen Konflikt an sich beschäftigen sich die wenigsten – alle hauen nur möglichst reißerische Links, Informationen und Bilder raus. Bei anderen militärischen Konflikten auf dieser Welt gibt es in den wenigsten Fällen derartig viele Kommentare auf Twitter, Facebook und in diversen Kommentarspalten. Beim Thema Israel haben aber anscheinend die meisten Menschen eine eindeutige Meinung und das ausgeprägte Bedürfnis, diese zu teilen und sich in den meisten Fällen gegenseitig zu bestärken und von „dem“ Anderen abzugrenzen.

Da werden dann auch mal Bilder von Explosionen aus Syrien verwendet und behauptet, dass sie aus dem Gazastreifen seien um der eigenen Position mehr Gewicht zu verleihen[1]. Und auch sonst scheint an differenzierten Kommentaren und Meinungen wenig Interesse zu bestehen.

Ein Muster, dass sich in diesem Konflikt, wie auch in den letzten Konflikten zwischen Israel und Palästina zeigt ist, dass unfassbar oft mit der Zahlen von getöteten Kindern, alten Menschen und Frauen argumentiert wird. Vor allem, auf Seiten der Palästinenser. Diese Argumentation schließt einfach nahezu nahtlos an antisemitische Bild vom Kinder mordenden Juden[2] an.

Und auch sonst lassen sich in vielen Argumentationen und vor allem in der Wahl der Argumentationsschwerpunkte antisemitische Bilder und Stereotype finden. Anschließend an das Bild des Kinderopfernden Juden wird allgemein sehr oft das Bild des besonders grausamen und aus Lust mordenden Juden transportiert.

Und unter diesen Argumentationen sammeln sich dann Menschen unterschiedlicher politischer Zusammenhänge. Da gehen dann auch Menschen mit der Parteifahne von „Die Linke“ (wahlweise auch andere Parteifahnen) zusammen mit Menschen mit Hamasfahne, antiimperialistischen Linken und Nazis auf eine Demo und protestieren gemeinsam gegen Israel. Wenn es Israel ist, werden die Differenzen anscheinend beiseite gelegt. Die Motivationen mögen unterschiedlich sein, aber der gemeinsame Nenner scheint groß genug. Aktuell ließ sich dieses Phänomen in Dortmund und Frankfurt sehen – mit jeweils 2000 Menschen[3].

Wenn dann jüdische Menschen gegen den Krieg demonstrieren, wie es beispielsweise gestern und New York der Fall war, werden Argumente aufgeführt wie „Siehst du Netanjahu, sogar deine eigenen Leute sind gegen den Krieg.“ Darin zeigt sich wie sehr eine Vermischung von jüdischen Menschen und dem Staat Israel vorgenommen wird. In der Umkehrung der Argumention ist dann auch jeder Jude und jede Jüdin für das Handeln des Staates Israel verantwortlich.

Die aufgeführten Phänomene zeigen sich in den letzten Jahren immer wieder und in akuten Krisen am ausgeprägtesten. Zum Gazakonflikt 2008/2009 gibt es diverse gute Veröffentlichungen zu diesem Thema (sowohl wissenschaftlich als auch journalistisch) und die dort herausgearbeiteten Erkenntnisse lassen sich nahtlos auf den aktuellen Konflikt anwenden. Zum Thema Israelkritik und dem Übergang zwischen Antizionismus und Antisemitismus lässt sich beispielsweise die Broschüre „Kritik oder Antisemitismus“ der Amadeu Antonio Stiftung empfehlen.

Doch um dem eigenen Anspruch differenzierter Berichterstattung gerecht zu werden, muss an dieser auch erwähnt werden, dass auch die Argumentationen von israelsolidarischen Menschen an einigen Stellen den Konflikt sehr einseitig kommentieren und Vorurteile reproduzieren. In einigen Kommentaren (auf Twitter etc) scheint es so, als ob Israel den saubersten Krieg überhaupt führen würde und an zivilen Opfern die Palästinenser*innen eigentlich alle selbst schuld seien. Darüber hinaus kommt es immer wieder vor, dass nicht zwischen Palästinenser*innen und der Hamas differenziert wird und rassistische Bilder reproduziert werden.

Abschließend möchten wir betonen, dass die hier dargestellen Phänomene und Strukturen selbstverständlich nicht auf alle Menschen, die sich als solidarisch mit der einen oder anderen Konfliktpartei verstehen, angewendet werden können. Denn natürlich muss es möglich sein, eine Kritik am Verhalten Israels, als ein kapitalistischer Staat mit all den dazugehörigen Strukturen zu artikulieren. Allerdings muss die Kritik mit den gleichen Maßstäben wie bei anderen Staaten formuliert werden. Dies ist das häufig nicht der Fall. An Israel werden andere Maßstäbe angesetzt und die Kritik bedient sich darüber hinaus an antisemitischen Bildern und Stereotypen. Und wie sich aktuell erneut zeigt haben antisemitische und israelfeindliche Äußerungen ein weiteres mal Hochkonjunktur.

GEGEN JEDEN ANTISEMITISMUS!

 

[1] Herausgefunden durch die BBC.
[2] Wenn in diesem Artikel von „dem Juden“ geschrieben wird, wird sich damit auf die Argumentation von Antisemit*innen bezogen, die eine Homogenisierung aller Juden und Jüdinnen vornimmt und diese über die Formulierung „Der Jude ist/tut“ artikuliert. Diese Position entspricht nicht der Meinung der Autor*innen , sondern dient lediglich der Verdeutlichung der Argumention.
[3] Auch in anderen (deutschen) Großstädten gab es Gazasolidarische bzw Israelfeindliche Demonstrationen. Zum aktuellen Zeitpunkt liegen uns aber keine Informationen über die Zusammensetzung der Demonstrationsteilnehmer*innen vor.
Advertisements

2 Gedanken zu „Gedanken zum Nahostkonflikt“

  1. „Allerdings muss die Kritik mit den gleichen Maßstäben wie bei anderen Staaten formuliert werden.“
    Wann ist denn nach eurer Meinung nach überhaupt Kritik am „Staat“ (allgemein; nicht auf Israel bezogen) erlaubt und welche Maßstäbe sind anzulegen?

    Gefällt mir

    1. Generell ist eine Kritik am Staat immer notwendig und damit auch immer „erlaubt“. Worum es hier geht ist, dass unfassbar viele Menschen kein Bedürfnis danach haben, irgendeinen Staat zu kritisieren – außer Israel. Und da muss dann einfach mal nach der Motivation geschaut werden – möglicherweise ist es dann eben doch der verkappte Hass auf Juden und Jüdinnen, der sich über die Kritik an Israel artikuliert.

      Zu der Frage der Maßstäbe – das geht in die gleiche Richtung. Wenn Person X im Allgemeinen keine Notwendigkeit sieht das Verhalten oder Handeln irgendeines Staates zu kritisieren, aber meint zu Israel auf jeden Fall etwas sagen/schreiben zu müssen, dann ist das eben nicht der gleiche Maßstab. Wie dieser Maßstab bei der*dem Einzelnen ausfällt, ist an dieser Stelle nicht von Bedeutung. Auch wenn wir uns natürlich wünschen würden, dass Staaten als Konstruktion an sich kritisiert werden.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s